Zu jedem Taxon ist im Detailfenster vermerkt, ob Resistenzprobleme
bekannt sind — mit Mechanismus, Zahlen, Population und Quelle. Vier Stufen:
kritisch (Therapieversagen dokumentiert oder ECDC/WHO-Priorität),
relevant (belegte erworbene Resistenz),
intrinsisch (die Art war nie empfindlich — für die kalkulierte
Therapie entscheidend, aber kein Resistenzproblem im engeren Sinn) und
unauffällig (geprüft, nichts Auffälliges).
Für rund drei Viertel der Taxa gibt es keine
Resistenzdaten, und dort steht auch nichts. Das ist kein Versäumnis, sondern der
Zustand der Literatur: Für unkultivierte Phylotypen existiert keine Empfindlichkeitsprüfung,
weil sie sich nicht anzüchten lassen. Fehlende Daten sind ausdrücklich keine
Evidenz für Empfindlichkeit. Wo eine Aussage nur für die Gattung gilt und nicht für die
Art gemessen wurde, ist sie als Gattungsaussage gekennzeichnet.
Die Mundhöhle ist selbst ein Reservoir.
Metagenomisch wurden 159 Resistenzgene gegen 22 Antibiotikaklassen in oralen Proben
nachgewiesen; in etwa drei Vierteln der Speichel- und Plaqueproben finden sich
Resistenzgene überhaupt. Am häufigsten tetM, meist auf dem
konjugativen Transposon Tn916 — also auf einem Element, das die Art wechseln kann.
Die Beta-Laktamase-Gene blaZ und cfxA stecken in
90–97 % der Proben. Praktische Folge: Ein empfindlicher Erreger im Antibiogramm sagt
nichts über die Gene, die in seiner Nachbarschaft verfügbar sind.
Der wichtigste Einzelbefund für die Praxis
betrifft nicht einen Erreger, sondern eine Wechselwirkung: Amoxicillin allein wird bei
odontogenen Infektionen nicht deshalb unzuverlässig, weil die Streptokokken resistent
wären, sondern weil begleitende Prevotellen eine Beta-Laktamase in den Abszess
sezernieren und damit auch empfindliche Nachbarn schützen — cfxA findet sich in 97 %
der aminopenicillinresistenten Stämme. Genau diese Lücke schließt Clavulansäure.
Resistenz ist die Größe mit dem stärksten regionalen
Gefälle in diesem ganzen Atlas. Bei Erythromycin gegen Streptokokken reicht die Spanne
von 1,9 % in Kroatien bis 88,5 % in Vietnam — Faktor 46. Bei Gonokokken ist Ceftriaxon in
Mitteleuropa noch eine Einzelfallmeldung, in Vietnam betrifft die Resistenz jedes dritte
Isolat. Deshalb steht bei jeder Zahl die Region dabei, und wo die Unterschiede belegt sind,
gibt es einen eigenen Abschnitt „Regionale Unterschiede“. Eine europäische Zahl ist keine
Weltaussage — und eine Weltzahl sagt wenig über die eigene Ordination.
Zur Größenordnung: 2021 waren weltweit 1,14 Millionen Todesfälle direkt auf
bakterielle Resistenz zurückzuführen, für 2050 werden 1,91 Millionen jährlich vorausgesagt.
Die höchste Sterblichkeit wird für Südasien sowie Lateinamerika und die Karibik erwartet
(GRAM-Projekt, Lancet 2024, PMID 39299261).
Zahlen sind Populationskennzahlen und keine Vorhersage für den Einzelfall.
Sie ersetzen weder Antibiogramm noch Leitlinie. Recherchestand 21. August 2026.